Wu De – Die Tugenden der Kampfkunst

Wu De - Die Tugend der Kampfkunst

Wer sich mit den traditionellen chinesischen Kampfkünsten beschäftigt, stößt früher oder später auf den Begriff „WuDe“.  WuDe 武德 besteht aus zwei Wörtern. Wu, welches mit Kampf, und De, das mit Moral oder Tugend übersetzt werden kann. Daraus ergeben sich: Die Tugenden der Kampfkunst.  Angelehnt an die konfuzianischen Kardinaltugenden fassen die WuDe, damals wie auch heute, die moralischen Eigenschaften eines Kampfkunsttrainierenden zusammen.  Die Liste der Tugenden variiert in der Geschichte je nach Interpretation bzw. Übersetzung.  Die WuDe waren bei der Aufnahme oder der Beurteilung eines Schülers ein essentielles Kriterium des Lehrers. Das Verinnerlichen der Tugenden durch den Schüler und das stete Arbeiten an seinem Charakter waren Voraussetzung für die Unterweisung in einer traditionellen Kampfkunst, großes Talent oder Fleiß waren zweitrangig.

Die WuDe lassen sich in die Moral der Taten und in die Moral des Geistes  unterteilen. Die Moral der Taten bezieht sich auf das soziale Verhalten generell, sowie die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, Mitschülern und anderen Kampfkünstlern. Zu der Moral der Taten gehören:  Respekt, Bescheidenheit, Rechtschaffenheit, Vertrauen und Loyalität.  Die Moral des Geistes soll die innere Harmonie zwischen den Emotionen und der Weisheit kultivieren und beinhaltet: Wille, Ausdauer, Beharrlichkeit, Geduld und Mut. Diese Tugenden sind ebenfalls ein wichtiger Teil der Ausbildung in einer chinesischen Kampfkunst, die es ständig zu verbessern gilt.

Die Moral der Taten

Traditionell gesehen waren nur die Schüler würdig unterrichtet zu werden, die diese Punkte der Moral kultiviert hatten. Von den zwei Aspekten der Moral ist die Moral der Taten die wichtigste. Die Moral der Taten betrifft die Schülerbeziehung mit dem Lehrer, den Mitschülern, anderen Kampfkünstlern und der generellen Öffentlichkeit. Schüler, die nicht moralisch in ihren Taten sind, sind es nicht wert unterrichtet zu werden, da kein Vertrauen zum Schüler aufgebaut werden kann. Ferner könnten, ohne die Moral der Taten, die Kampfkunst missbraucht und dazu benutzt werden unschuldige Menschen zu verletzen. Deshalb wird der Lehrer seine Schüler vorsichtig für eine lange Zeit beobachten, bis er sich sicher ist dass die Schüler seinen Maßstäben der Moral entsprechen, bevor er sie zum seriösen, fortgeschrittenen Training zulässt.

Respekt – JìngYì – 敬意

Respekt gehört zu den Grundeigenschaften der WuDe und ist eine Basis für ein friedliches Miteinander. Nicht nur im Kampfkunstbereich im Bezug auf den Lehrer, seine Mitschüler und anderen Kampfkünstlern gegenüber, sondern auch in der Familie, Freunden, im Berufsleben und jedem selbst gegenüber. Respektiert zu werden, hängt von dem persönlichen Handeln ab und muss verdient werden. Respekt kann nicht erfragt oder verlangt werden.

Bescheidenheit – QiānXùn – 謙遜

Aus einer tiefen Bescheidenheit heraus wächst der Wille zu lernen, sich verbessern zu wollen und sich in Frage zu stellen. Wer sich mit seinen aktuellen Fähigkeiten zufrieden gibt, fängt nie an sich tiefer gehend mit seinem Können auseinanderzusetzen, denn dem Wissen und Verständnis sind keine Grenzen gesetzt. Die Bescheidenheit kontrolliert auch den Stolz und die Arroganz. Es gibt immer jemand der in irgendeiner Weise besser ist als Du.

Rechtschaffenheit – ZhèngZhí – 正直

Rechtschaffene Menschen sind zuverlässig, verantwortungsbewusst und aufrichtig in ihrem Handeln. Dinge direkt erledigen oder stetig an größeren Aufgaben arbeiten. Dabei sich frei von Emotionen von einem weisen Geist leiten lassen. Dies schafft eine befreiende Klarheit im Kopf und vermeidet belastende Schuldgefühle.

Vertrauen – XìnYòng – 信用

Sich selbst vertrauen und Anderen gegenüber vertrauenswürdig und konsequent auftreten. Vertrauen ist für viele Dinge im Leben die Basis. Besonders in der Kampfkunst zwischen Lehrer und Schüler und den anderen Mitschülern. Vertrauen schafft eine angstfreie und entspannte Trainingsatmosphäre bei der das Lernen im Vordergrund steht. Tiefes Vertrauen kann man wie Respekt nicht einfordern, sondern wird mit der Zeit aufgebaut.

Loyalität – ZhōngXīn – 忠心

Die Loyalität ist die Vorstufe des Vertrauens. Neben Deinen Freunden und Deiner Familie solltest Du Innerhalb Deiner Kung Fu Familie Deinem Lehrer, Deinen Mitschülern und auch Dir selbst gegenüber loyal sein. Dadurch entsteht Vertrauen und Respekt. In der chinesischen Tradition baut die Loyalität auf der Gehorsamkeit des Schülers gegenüber dem Lehrer auf und ist Voraussetzung für eine ernsthafte Kung Fu Ausbildung. Demnach wird der Lehrer nie in Frage gestellt.

Die Moral des Geistes

Moral des Geistes steht für die Selbsterziehung, welche erforderlich ist, um höhere Ebenen zu erreichen. Die Chinesen glauben, dass wir zwei Sinne haben. Einen „emotionalen Geist“ (Xin) und einen „Geist der Weisheit“ (Yi). Man sagt, wenn eine Person in etwas versagt, kommt es daher dass der „emotionale Geist“ das Denken beherrscht hat. Die fünf Elemente bei der Moral des Geistes sind die Schlüssel zum Training und sie führen den Schüler zu der Stufe, wo der Geist der Weisheit dominiert. Diese Selbstausbildung und Disziplin sollte das Ziel der Trainingsphilosophie eines jeden Kampfkünstlers sein.

Wille – YìZhì – 意志

Einen starken Willen zu entwickeln ist eine große Aufgabe und nicht innerhalb von Monaten zu schaffen. Versucht die Emotionen durch den weisen Geist zu kontrollieren und ein starker Wille entwickelt sich. Wenn Dein weiser Geist Dein gesamtes Wesen bestimmt, wirst Du im Stande sein emotionale Ablenkungen auszublenden. Der Wille ist das Feuer Deiner Leidenschaft. Ein Feuer, dass konstant brennen muss und nicht zu beginn wie ein Strohfeuer hell auflodert und dann schnell wieder erlischt. Ein starker Wille ist der Weg zu einem klaren Geist.

Ausdauer- YìLì – 毅力| Beharrlichkeit – HéngXīn – 恆心 | Geduld – NàiXīn – 耐心

Ausdauer, Beharrlichkeit und Geduld bilden zusammen einen starken Willen und sind dessen sichtbare Formen. Diese Elemente sollten auf erreichbare Ziele gerichtet sein, um diese durch Fleiß zu realisieren. Selbstüberschätzung, falscher Ehrgeiz und Vergleiche führen zu Frustration und Aufgabe. Auch der Fleiß sollte im Rahmen bleiben, denn mit Verbissenheit oder Übereifer kommt man eher langsamer zum Ziel. Durch das Kultivieren dieser drei Eigenschaften wirst Du langsam einen tiefgründigen Geist erlangen. Ein tiefgründiger Geist ist der Schlüssel zum Wesen der Entwicklung. Wenn Du weißt, wie Du Deinen Geist benutzt, um während des Trainings über Deine Bewegungen nachzudenken, eröffnet Dir Dein Geist tieferes Verständnis und Bewusstsein im Training und auch im Alltag.

Mut – YŏngQì – 勇氣

Mut erfordert charakterliche Stärke, eigenständiges Denken und Wertebewusstsein. Dabei sind sowohl der Mut zum Handeln als auch der Mut zum Nichthandeln sehr wichtig. Mut zum Handeln und damit notwendige Dinge tun, die in einer bedrohlichen oder beängstigenden Situation für die Realisierung eines Wertes erforderlich sind. Zum Anderen der Mut zur Handlungsverweigerung bei Unrecht, wertlosen Mutproben oder bei Gruppenzwang. Wenn es zu einem Kampf kommt, darf der Mut nicht fehlen. Mut zu kämpfen und sich der Situation zu stellen aber auch den Mut zu haben nicht zu kämpfen und Charakterstärke zu beweisen.

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